Foliertes Spargelfeld

Kontrollbesuch bei den Spargel-Stechern


Zwischen Akkord und Erschöpfung
Bei einem Vor-Ort-Besuch durch BEAM* (Beratungszentrum gegen Arbeitsausbeutung
und Menschenhandel NRW) in Kooperation mit der Gewerkschaft IG BAU und der
Beratungsstelle Arbeit (BSA) auf mehreren Spargelfeldern rund um Münster wird ein Arbeitsalltag sichtbar, der von harter körperlicher Belastung und engen wirtschaftlichen Spielräumen geprägt ist. Die Mitarbeiterinnen von Beam sprachen mit
Saisonarbeiterinnen und -arbeitern, die überwiegend aus Rumänien und Ungarn
stammen, vereinzelt auch aus Polen, und dokumentierten deren Arbeits- und
Lebensbedingungen.

Lange Tage auf dem Feld
Der Arbeitstag beginnt früh und endet oft erst nach zehn Stunden oder mehr. Gearbeitet
wird nahezu durchgehend im Akkord. Das bedeutet: Der Verdienst hängt maßgeblich von
der geernteten Menge ab. Üblich sind rund 60 Cent pro Kilo gestochenem Spargel. Was
auf den ersten Blick nach einer klaren Leistungsvergütung klingt, setzt die Beschäftigten
unter erheblichen Druck, möglichst schnell und ohne Unterbrechung zu arbeiten. Am
Feldrand ist zu hören, dass durchschnittlich 15 Kg pro Stunde zu schaffen sind. Das wären
nur 9,-€ brutto pro Stunde anstatt dem gesetzlich festgelegten Mindeststundenlohn von
13,90€ brutto. Von einem Vorarbeiter war zu hören, dass rund 11 Euro netto pro Stunde
gezahlt würden. Das passt alles nicht so recht zusammen. Sicher scheint: wer weniger
erntet, verdient entsprechend weniger – bei gleichbleibend langen Arbeitstagen.

Körperliche Belastung am Limit
Die Tätigkeit selbst ist äußerst kräftezehrend. Spargel wird unter Folien angebaut, die zum
Stechen immer wieder angehoben werden müssen. Der Ablauf wiederholt sich im
Minutentakt: Kiste abstellen, Plane anheben, Spargel stechen, ablegen, Plane
zurückziehen, Kiste aufnehmen, weitergehen. Jede Kiste fasst etwa 15 Kilogramm und
muss regelmäßig zum Feldrand getragen werden.
Die Arbeit erfolgt fast ausschließlich in gebückter Haltung – eine enorme Belastung für
Rücken und Gelenke. Hinzu kommen wechselnde Wetterbedingungen: gearbeitet wird bei
Kälte, Regen oder Hitze gleichermaßen.

Unterkunft: teuer und beengt
Neben der körperlichen Arbeit kritisieren BEAM und IG BAU insbesondere die
Unterbringung. Viele Arbeiter leben in Mehrbett-Containern. Für einen Schlafplatz werden
in der Region Münster durchschnittlich etwa 10 Euro pro Tag berechnet – Kosten, die
direkt vom Lohn abgezogen werden.
In einem dokumentierten Fall lagen die Unterkunftskosten sogar bei 27 Euro täglich. Zwar
waren hier zwei Mahlzeiten enthalten, dennoch bleibt die finanzielle Belastung erheblich.
Angesichts der ohnehin schwankenden Einkommen durch Akkordarbeit stellt dies für viele eine zusätzliche Herausforderung dar.

Abhängigkeit und fehlende Alternativen
Die Kombination aus Akkordarbeit, hohen Unterkunftskosten und körperlicher Belastung
schafft ein System, in dem viele Beschäftigte kaum Spielraum haben. Sprachbarrieren,
kurze Vertragslaufzeiten und die Abhängigkeit vom Arbeitgeber erschweren es zusätzlich,
Missstände zu melden oder Verbesserungen einzufordern.
Die BSA, Beam und die IG BAU fordern daher strengere Kontrollen, transparente
Abrechnungen und verbindliche Standards für Unterbringung und Arbeitszeiten. Der
Besuch auf den Feldern zeigt deutlich: Der Spargel auf deutschen Tellern hat oft einen hohen menschlichen Preis.

* BEAM und BSA sind finanziert durch das Land Nordrhein Westfalen und die Europäische Union..